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Diagnostik und Blutwerte bei Beta-Thalassämie

AUTOR*IN
Sophie Kristin Schäfer (TAKEPART Media + Science GmbH)
DATUM
06.11.2024

Die Diagnose einer Beta-Thalassämie unterscheidet sich je nach Form und Schwere der Erkrankung. In diesem Beitrag erfährst Du, wie die verschiedenen Formen einer Beta-Thalassämie diagnostiziert werden und welche Blutwerte dabei eine Rolle spielen.

Wie stellt man eine Thalassämie fest?

Eine Beta-Thalassämie tritt in den drei Formen minor, intermedia und major auf. Sie verlaufen unterschiedlich und können mit verschiedenen Beschwerden einhergehen. Auch die Blutwerte unterscheiden sich zwischen den Formen. Zu Beginn werden erst einmal die Beschwerden betrachtet. Sie geben einen ersten Anhaltspunkt, ob möglicherweise eine Thalassämie vorliegt. Im nächsten Schritt wird dann geprüft, ob eine andere Erkrankung die Beschwerden hervorruft.

Für die Diagnose wird außerdem geprüft, ob die Symptome und die Blutwerte durch eine andere Erkrankung ausgelöst werden (Differenzialdiagnose). Vor allem die Symptome bei der minor-Variante können ähnlich oder fast identisch zu Anzeichen anderer Erkrankungen sein.

Symptome der Beta-Thalassämie

Symptome der Beta-Thalassämie major

Die Symptome können einen ersten wichtigen Hinweis bei der Diagnose einer Beta-Thalassämie geben. Bei einer Beta-Thalassämie major sind sie ausgeprägt und treten am frühesten auf. Bereits ab dem ersten Lebensjahr entwickeln Menschen mit Beta- Thalassämie major eine schwere Blutarmut. Manchmal sind schon ab dem vierten, meist ab dem sechsten Lebensmonat, seltener auch erst etwas später regelmäßige Bluttransfusionen nötig. Ohne Behandlung ist eine Beta-Thalassämie major lebensbedrohlich.

Die Blutarmut äußert sich durch folgende Symptome:

  • blasse oder gelbliche Haut

  • Müdigkeit

  • schneller Herzschlag

  • Atemnot bei körperlicher Aktivität

  • Vergrößerung von Leber und Milz

  • Entwicklungsstörungen

Diese Beschwerden sind Anzeichen dafür, dass der Körper durch die verminderten und defekten roten Blutkörperchen nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Der Körper versucht, das auszugleichen und produziert mehr rote Blutkörperchen, es kommt zu einer gesteigerten Blutbildung. Das führt zur Eisenüberladung und Überaktivität des Knochenmarks.

Eisenüberladung: Rote Blutkörperchen brauchen Eisen für den Sauerstofftransport. Wenn mehr rote Blutkörperchen gebildet werden, dann nimmt der Körper mehr Eisen auf. Das Problem, nämlich die Bildung defekter roter Blutkörperchen, wird durch die Aufnahme von Eisen nicht gelöst. Der Körper nimmt also immer weiter Eisen über die Ernährung auf. Einmal aufgenommen, kann Eisen nur in geringen Mengen wieder ausgeschieden werden. Das überschüssige Eisen lagert sich in den Organen ab. Das kann zu einer Eisenüberladung führen. Größere Rolle als die Ernährung spielen bei der Eisenüberladung die regelmäßigen Bluttransfusionen. Das führt zu folgenden Komplikationen:

  • Herzmuskelschwäche und Herzrhythmusstörungen

  • Störungen der Leberfunktion

  • Kleinwuchs

  • Diabetes mellitus

  • verzögerte Pubertätsentwicklung

  • Schilddrüsenunterfunktion

  • Störungen des Vitamin-D-Stoffwechsels

Überaktivität des Knochenmarks und gesteigerte Knochenbrüchigkeit: Der Körper versucht, die Anämie auszugleichen, indem er mehr Blutzellen produziert. Das findet im Knochenmark statt. Durch die vermehrte Produktion weitet sich das Knochenmark immer weiter aus. Wird die Beta-Thalassämie major nicht oder nicht ausreichend behandelt, führt das zu Veränderungen im Skelett. Durch die Ausbreitung des Knochenmarks vergrößern sich auch die Knochen und werden dadurch schwächer und brüchiger. Das führt zu den folgenden Symptomen:

  • Vergrößerung des Schädelknochens

  • Vorwölbung der Stirn, Vorstehen von Oberkiefer und Wangenknochen

  • Verbiegung von Rippen und Wirbelkörpern

  • erhöhtes Risiko für Knochenbrüche

  • Knochenschmerzen

  • Entstehung von Blutbildungsherden außerhalb der Knochenmarkräume (= extramedulläre Blutbildungsherde = EMH)

  • Komplikationen der Eisenüberladung

Symptome der Beta-Thalassämie intermedia

Die Symptome einer Beta-Thalassämie intermedia sind vielfältig und treten zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf. Menschen mit einer milden Form der Beta-Thalassämie intermedia entwickeln leichtere Symptome und diese oft spät – teile erst im Erwachsenenalter. Die schwerere, in der Regel auch transfusionsbedürftige Form, tritt meist in einem Alter von 2 bis 6 Jahren auf. Die Symptome einer schwereren intermedia-Form der Beta-Thalassämie ähneln der einer major-Form. Sie sind:

  • zunehmende Zeichen der Blutarmut

  • Knochenveränderungen

  • Wachstums- und Entwicklungsstörungen

  • vergrößerte Milz (Splenomegalie)

  • Entstehung von Blutbildungsherden außerhalb der Knochenmarkräume

  • Komplikationen der Eisenüberladung

Hinzu können weitere Symptome kommen, die für die intermedia-Form typisch sind:

  • Lähmungen und/oder Gefühlsstörungen in Armen und Beinen bei EMH

  • Neigung zu Blutgerinnseln (Thrombosen)

  • Gallensteine

  • Geschwüre in den Unterschenkeln

Symptome der Beta-Thalassaemia minor

Menschen mit einer beta-Thalassaemia minor haben meist keine Symptome. Selten treten leichte Beschwerden auf, die denen einer leichten Blutarmut anderer Ursache ähneln. Schwäche, Schwindel, Kopfschmerzen, Blässe und Müdigkeit zählen etwa dazu.

Blutwerte bei einer Beta-Thalassämie

Zur Diagnose und Behandlung einer Beta-Thalassämie werden Blutproben im Labor untersucht. Anhand des Blutbildes lässt sich auch genauer feststellen, welche Form der Beta-Thalassämie vorliegt. Im Folgenden findest Du einige wichtige Blutwerte.

Der Hb-Wert

Hb steht für Hämoglobin, den roten Blutfarbstoff. Er wird in Gramm pro Deziliter (kurz: g/dl) angegeben. Hämoglobin ist ein Eiweiß, das sich in den roten Blutkörperchen (Erythrozyten) befindet. Normal ist ein Hb von 12 bis 16 g/dl bei Frauen und ein Hb von 13,5 bis 17,5 g/dl bei Männern. Bei Menschen mit einer Beta-Thalassämie ist der Hb-Wert im Blut verringert. Je nach Form der Beta-Thalassämie liegt er bei:

  • Beta-Thalassämie minor: Hb von 9 bis 13 g/dl bei Frauen, Hb von 10 bis 15 g/dl bei Männern

  • Beta-Thalassämie intermedia: Hb von 6 bis 10 g/dl bei Frauen, Hb von 8 bis 13 g/dl bei Männern

  • Beta-Thalassämie major: Hb unter 7 g/dl

Der MCH-Wert

Während der Hb-Wert für die gesamte Menge an Hämoglobin im Blut steht, gibt der MCH-Wert an, wieviel Hämoglobin ein rotes Blutkörperchen im Durchschnitt enthält. Der MCH wird in Pikogramm (pg) pro Blutzelle angegeben. Normal sind Werte zwischen 27 und 34 pg. Bei Menschen mit einer Beta-Thalassämie ist der MCH-Wert im Blut verringert. Je nach Form der Beta-Thalassämie liegt er bei:

  • Beta-Thalassämie minor: zwischen 16 und 25 pg

  • Beta-Thalassämie intermedia: weniger als 20 pg

  • Beta-Thalassämie major: weniger als 20 pg

Der MCV-Wert

Der MCV-Wert gibt an, wie groß die roten Blutkörperchen durchschnittlich sind. Er wird in Femtoliter (fl) angegeben. Normal sind Werte, die zwischen 83 und 95 fl liegen. Bei Menschen mit einer Beta-Thalassämie ist der MCV-Wert im Blut verringert. Je nach Form der Beta-Thalassämie liegt er bei:

  • Beta-Thalassämie minor: 55 bis 70 fl

  • Beta-Thalassämie intermedia: 50 bis 60 fl

  • Beta-Thalassämie major: 50 bis 60 fl

Ferritin-Wert

Ferritin ist ein Eiweiß, das Eisen in den Zellen speichert. Der Ferritin-Wert gibt Auskunft darüber, wie viel Eisen der Körper zur Verfügung hat. Je nach Form der Beta-Thalassämie ist er:

  • Beta-Thalassämie minor: normal*

  • Beta-Thalassämie intermedia: erhöht

  • Beta-Thalassämie major: erhöht

*Manchmal ist der Ferritinwert bei Menschen mit Beta-Thalassämie minor erniedrigt, nämlich dann, wenn zusätzlich ein Eisenmangel vorliegt.

Die Transferrin-Sättigung

Transferrin ist ein Eiweiß, das Eisen im Körper bindet und transportiert. Die Transferrin-Sättigung ist ein wichtiger Laborwert, der anzeigt, wieviel Eisen das Transferrin gebunden hat, also wie „gesättigt“ es ist. Je nach Form der Beta-Thalassämie ist die Transferrin-Sättigung:

• Beta-Thalassämie minor: normal

• Beta-Thalassämie intermedia: erhöht

• Beta-Thalassämie major: erhöht

Die Hämolyse-Parameter

Eine Hämolyse ist eine krankhafte Zerstörung von roten Blutkörperchen. Es gibt verschiedene Blutwerte, die eine Hämolyse anzeigen. Zusammengefasst werden diese Werte Hämolyse-Parameter genannt. In den Laborergebnissen werden sie als normal, als positiv oder als negativ bezeichnet. Je nach Form der Beta-Thalassämie sind die Hämolyse-Parameter:

  • Beta-Thalassämie minor: normal

  • Beta-Thalassämie intermedia: positiv

  • Beta-Thalassämie major: positiv

Der HbA2-Wert

Hb steht für Hämoglobin, den roten Blutfarbstoff. Ein Hämoglobin besteht aus vier Eiweißketten. Bei dem sogenannten HbA1 sind das zwei alpha- und zwei beta-(Globin-)Ketten. HbA1 macht bei Erwachsenen normalerweise den größten Hämoglobin-Anteil aus. HbA2 hingegen besteht aus zwei alpha- und zwei delta-Ketten. Da bei der Beta-Thalassämie die Bildung der beta-Ketten gestört ist, bildet der Körper als Ausgleich vermehrt Hämoglobin aus den anderen Ketten und der HbA2-Wert steigt. Normalerweise liegt der HbA2-Wert eines Erwachsenen bei 1,5 bis 3% des Hb-Werts. Je nach Form der Beta-Thalassämie liegt er bei:

  • Beta-Thalassämie minor: 3,5 bis 10% (erhöht)

  • Beta-Thalassämie intermedia: normal bis erhöht

  • Beta-Thalassämie major: normal bis erhöht

Der HbF-Wert

HbF steht für fetales Hämoglobin. Es besteht aus zwei alpha- und zwei gamma-Ketten. Die Bildung des fetalen Hämoglobins endet normalerweise wenige Monate nach der Geburt, wenn das „Erwachsenen-Hämoglobin“ zunehmend den Sauerstoff-Transport übernimmt. Da bei einer Beta-Thalassämie die Bildung von HbA1 gestört ist, wird das HbF länger und vermehrt gebildet, um das geschädigte HbA1 auszugleichen. Der Normalwert liegt bei 0 bis 0,5% des Hb-Werts. Bei einer Beta-Thalassämie liegt der HbF-Wert je nach Form bei:

  • Beta-Thalassämie minor: 0 bis 5 %, manchmal noch höher

  • Beta-Thalassämie intermedia: 10 bis 80 %

  • Beta-Thalassämie major: in der Regel mehr als 80%

Weitere Untersuchungen zur Diagnose einer Beta-Thalassämie

Wenn die Blutwerte auf eine Beta-Thalassämie hindeuten, kann die Diagnose mit weiteren Untersuchungen gesichert werden. Das ist vor allem wichtig, wenn neben einer Blutarmut, einer Vergrößerung der Milz und einem erhöhten Spiegel des fetalen Hämoglobins, keine weiteren Anzeichen für eine Beta-Thalassämie vorliegen. Weitere Untersuchungen dienen dann dazu, andere Erkrankungen auszuschließen:

  • Mikroskopie: Blutzellen werden unter einem Mikroskop betrachtet. Bei einer Beta-Thalassämie sind sie blasser und kleiner. Außerdem sind sie unterschiedlich groß und verformt.

  • Hämoglobin-Analyse: Bestimmung der Anteile aller Hämoglobinformen.

  • Molekulargenetische Untersuchungen: Dabei wird geprüft, ob es genetische Defekte gibt, die die Bildung der roten Blutkörperchen beeinflussen.

  • Familienuntersuchung: Eine Beta-Thalassämie wird vererbt. Bei einer Familienuntersuchung wird deshalb geprüft, welcher Elternteil das fehlerhafte Gen in sich trägt. Diese Untersuchung ist auch für die Vorbereitung einer genetischen Beratung wichtig.

Welche Untersuchungen gemacht werden, ist individuell verschieden. Das hängt nicht zuletzt auch von den Beschwerden und Symptomen ab. Die Diagnose einer Beta-Thalassämie ist wichtig, damit die Behandlung möglichst zeitnah beginnen kann.

Zusammenfassung

Die schwereren Formen einer Beta-Thalassämie – also die schwerere intermedia- und die major-Form – verursachen deutliche Symptome. Zu den typischen Anzeichen für eine Blutarmut, wie etwa Blässe, Schwäche, Müdigkeit und schnellem Herzschlag, der Gelbfärbung der Haut und einer Vergrößerung von Leber und Milz, kommen die Folgen der Eisenüberladung und der erhöhten Knochenmarksaktivität hinzu. Auf die major-Form weist vor allem auch das sehr frühe Auftreten der Probleme innerhalb der ersten Lebensmonate hin. Symptome der schweren intermedia-Form treten dagegen in der Regel etwas später auf. Darunter sind auch Symptome, die für die intermedia-Form typisch sind, wie zum Beispiel Lähmungen in Armen und/oder Beinen infolge einer EMH und Gallensteine und Geschwüre in den Unterschenkeln. Bei beiden Formen zeigen bestimmte Blutwerte typische Abweichungen vom Normbereich: Verringert sind vor allem der Hb-, der MCH- und der MCV-Wert. Erhöht sind die Werte für HbA2 und HbF sowie Ferritin. Auch die Transferrin-Sättigung ist erhöht, und die Hämolyse-Parameter sind positiv.

Bei den leichteren Formen einer beta-Thalassämie, wie der minor-Form und den relativ milden intermedia-Formen, sind weniger oder gar keine Symptome vorhanden. Auch die Blutwerte können dabei in weiten Teilen unauffällig sein. Mithilfe von Spezialuntersuchungen wie der Hb-Analyse, eventuell ergänzt um molekulargenetische Tests ist dabei dennoch eine sichere Diagnosestellung möglich.

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Symptome

Diagnose

Quellenangaben

Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie. (2023). S1-Leitlinie Thalassämien (Aktualisierung 01/2023). Abgerufen am 18.10.2024 von https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/025-017.html

Cario, H., Grüneberg, I., Tallen, G., & Creutzig, U. (2024). Kinderblutkrankheiten: Thalassämie. Abgerufen am 22.05.2024 von https://www.kinderblutkrankheiten.de/erkrankungen/rote_blutzellen/anaemien_blutarmut/thalassaemie/

Cario, H., Andres, O., Hoferer, A., Liner, M. S., Schmugge, M., Sillaber, C., & Wörmann, B. (2022). Beta Thalassämie. Abgerufen am 18.10.2024 von https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/beta-thalassaemie/@@guideline/html/index.html

MSD Manual. (2024). Thalassämien. Abgerufen am 18.10.2024 von https://www.msdmanuals.com/de/profi/h%C3%A4matologie-und-onkologie/h%C3%A4molytische-an%C3%A4mien/thalass%C3%A4mien

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